...Vergeblich, doch notiere ich weiter, es möge nicht in Vergessenheit geraten!

Irre durch die verwitterten Mauern der Zeit verloren umher. Die Zeit, die alles dahinschleppt und alles fortträgt, was den Weg des Irdischen geht. Notiere. Eine unüberwindbare Hürde will ich vor dem rasenden Lauf der Jahre errichten. Und mögen die Worte in ihrer Umarmung Ereignisse und Erinnerungen festhalten und sie nicht in den Abgrund des Vergessenseins mit sich reißen. Nur Gott allein weiß, ob das Niedergeschriebene heil bleibt und wie es jene, die hinter uns kommen, beurteilen. Es ist pure Eitelkeit, sagen sie dann...

Sei es dem auch. Wer könnte sich aber vor den eigenen Trugbildern und Gedanken verstecken, wenn er auf immer ein Teil der Märchenwelt geworden ist, jener heiligen Stätte, verhüllt von dem Geisterschleier der Legenden, von den Bruchstücken längst verwehter menschlicher Meisterwerke bestreut. Ja, wenn sich seine Wege immerfort mit den ewigen Schatten der Vergangenheit kreuzen.

Der Ewige, - ein letzter, schwebender, von den toten Ruinen hingeworfener Schatten, - der ewige und ruhelose Geist, und nur Gott weiß es, zu welcher Zeit und welche Winde ihn hierher, in diese Einöde, getragen haben. Er ist der Erstpriester und ferner Bote der heidnischen Großgötter. Noch mehr - einer der ersten Christusnachfolger, der Eitelkeit der Welt entflohen. Einer jener Unglückseligen, von Gewalttaten und Elend verscheucht, den letzten Zufluchtsort in den Waldestiefen gefunden. Auch jener unbekannte Abt, der die bulgarischen Heiligtümer vor den Türken in der geheimnisvollen Schatzkammer verborgen hatte. Er ist der rätselhafte “schwarze” Mönch Rom-Papa - der Wächter der altertümlichen Schätze. Die menschliche Phantasie könnte sich die Endlosigkeit der Zeit, aus der heraus er ins Dasein gekommen war, kaum vorstellen.

Der Ewige. Zum ersten Mal begegnete ich ihm an einem Frühlingsmorgen unweit der alten Klosterruinen. Der Nebel zog träge seine weißen Schwaden über die umliegenden Felsen. Die Sonne, eine riesige goldene Spinne, bemühte sich, alles in ihre lichte Spinnwebe zu verwickeln, als wollte sie es auf ewig verwahren. Dann sah ich ihn - eine schwarze Mönchgestalt auf dem im Nebel schwindenden Pfad. Eine weite Kapuze verdeckte seine Augen, mir schien aber, einen durchdringenden Blick zu spüren, der mich aufforderte, ihm zu folgen. Ich wandte mich um und lief davon. Ich stolperte und stürzte, hatte das Gefühl, er folge mir.

Er kam in der Nacht wieder. Mit einem Mal erschien er aus der Finsternis und sprach zu mir, ich könne nirgends fortlaufen, niemand könne seinem Schicksal entfliehen, jetzt stehe ich in seiner Macht, er suche mich in meinen Nächten auf. Da ist er - mir gegenüber, aufgerichtet, in einem schwarzen, über die Jahrhunderte verblichenen Priestergewand, sein schwerer Blick ruht auf mich. Seit dieser Nacht sind die Visionen mein Leben und meine Begegnungen mit dem Ewigen - mein Schicksal geworden. Begegnungen? Wer weiß, ob ich ihm jemals begegnet bin, oder mir scheint nur, Trugbilder zu sehen? Jede Nacht ist er mein Gast und ich bin mir sicher, er gönnt mir keine Ruh’, ehe ich seine Geschichten nicht gehört habe. Ob diese Geschichten etwas wert sind, sagt er nicht. Jede hat ihre Zeit, aber ich bin mir schon bewußt, daß ich ein Teil derer bin und komme niemals zur Ruhe, ehe ich sie nicht weiter erzählt habe...

 
 

Erste Vision

 

Der Seeküste unweit ist ein wunderliches Gelände. Von den ersten Sonnenstrahlen liebkost, von dem zärtlichen Atem der See erwärmt, als schliefe es in der Wiege der Erinnerungen...

Einst, vor Millionen Jahren, spülten die Wellen der alten Sarmater See diese Küste. Verlassen und einsam war die Welt umher und nur die Winde trieben ihr Spiel über der endlosen Meeresweite. Vergangene Jahrtausende. Allmählich zog sich das Meer zurück und dichte Wälder verdeckten den einstigen Meeresgrund. Wilde Bäche ergossen ihr klares Wasser hinunter und ihr klingendes Lied erschallte überall hin. In den Wäldern widerhallte Vogelgesang. Inmitten dieser Einöde, als einsame Fremdlinge, auf dem Weg ins Ungewisse, ragten hohe Felsen empor, in denen Sonne und Wind ihre steinernen Märchen gemeißelt hatten.

Niemand weiß es mit Sicherheit, wann hier erstmals menschliche Rede die Stille dieser Stätte gestört hat, aber vor vielen, vielen Jahren sind hier, in diesem prachtvollen Eckchen, die alten Geten1 zugegen gewesen. In der geheimnisvollen Finsternis der uralten Wälder, in der abgrundtiefen Höhle, haben sie einen Tempel des Großen Gottes Zalmoxis errichtet. Seit jeher, seit der Zeit ihrer Urahnen, hat der Gott mit Meißel und Hammer den Fels seinesgleichen gemeißelt. So hat der “Steinerne Mensch” das Tageslicht erblickt. Danach ist der Gott in die Felsentiefen geschlüpft. Die Geten beklagten ihn. Vier Jahre später ist er wieder erschienen und zum Obersten Priester und Gott ausgerufen worden. Sein Haus ist tief unter der Erde gewesen, unzugänglich für die Sterblichen.

Seit dieser Zeit, um gesegnete Tage für die Geten zu erbeten, schickten die Priester alle vier Jahre dem Großen Gott je einen Boten. Immer wählten sie den würdigsten und in den Schlachten gerühmtesten Mann und nur zu Morgenstund’, wenn der erste Sonnenstrahl den Tempel gestreichelt hatte, warfen sie den Boten auf drei in die Erde eingeschlagene Speere. Die in Blut gebadeten Speerspitzen ‘glänzten wie drei Rosen, die Priester raunten ihre Gebete. Und wehe allen, wenn der Bote nicht auf der Stelle gestorben war. Sollte er sich lange quälen, so kämen auf die Geten schwere Jahre herbei.

Zweite Vision

 

Fünf Tage vorbei, und immer noch stand das makedonische Heer vor den Mauern von Odessos2. Die hohen Festungsmauern gaben ihren Verteidigern zuverlässigen Schutz und nichts konnte ihren Widerstand brechen. Nachts, weit von den Stadtmauern, brannten ununterbrochen die Feuer der Eindringlinge. Des Morgens rannten sie wieder auf die Stadt angestürmt, hartnäckig und rücksichtslos. Ein Regen von Pfeilen und Speeren überschüttete die Umzingelten. Der Leichengestank vergiftete die Luft umher.

Die Belagerung dehnte sich aus, aber all’ die Versuche der Eindringlinge, die Festung zu bezwingen, mißlangen. Schließlich gab der makedonische König Philipp nach, bot Odessos seine Freundschaft und ein Bündnis und ließ die Gefangenen in Frieden nach Hause gehen. Dann öffneten sich die unbezwingbaren Tore vor ihm. Riesengroße Menschenzüge umjubelten den Großen Feldherrn. Voran gingen die getischen Priester, in Weiß gekleidet, mit Zithern in den Händen, wie der Brauch besagte. Mitten in den Feierlichkeiten, an einer in der Umgebung versteckten Orakelstätte, brachte der makedonische Herrscher, nur von den Priestern begleitet, dem Großen getischen Gott Zalmoxis seine Gaben dar. Um dieses Ereignis zu ehren und das geschlossene Bündnis zu festigen, gebot der König Philipp, eine neue Stadt mit seinem Namen in der Nähe zu errichten.

Ob die Befehle des großen Herrschers erfüllt und wo diese Stadt gebaut wurde, bleibt unbekannt. Die Legenden erzählen, daß Jahrhunderte danach auf ihren Ruinen das älteste Mönchkloster in dieser Gegend entstanden sei.

Dritte Vision

 

Groß und ruhmreich war das alte Odessos in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt. Die einstige Handelsniederlassung, die griechische Seefahrer gründeten, hatte sich zu einer großen und schönen Stadt entwickelt. Ihre Schlösser und Tempel aus hellstem Stein glänzten unter den grellen Sonnenstrahlen und die mächtigen Festungsmauern widerspiegelten sich im klaren Wasser des Pontos3. Tausende von Masten hoben sich in dem Hafen empor. Von den Küsten des Istros4 und der Taurika5 aus bis zu dem Hellespont6 und den Herkulessäulen7 hin, kreuzten Schiffe von Odessos, mit Korn und mit Sklaven, mit Wein und Wohldüften beladen und trugen seinen Ruhm im ganzen Römischen Reich herum. Lärmendes, vielsprachiges Menschengewimmel war in den Straßen und auf den Plätzen der antiken Stadt zu sehen. Dort vereinten sich wie in einem bunten Strom Begeisterung und Verfall, Pracht und Armut. Fremdlinge gingen unter den Leuten, predigten Gehorsam und Menschenliebe und verkündeten den Verfall des mächtigen Imperiums. Zu Tode wurden diese und deren Nachfolger gemartert, unzählige Leidenskreuze wurden errichtet. Mit Feuer und Schwert wollten die Tyrannen den neuen  Glauben vernichten.

Einmal wurden aus Rom einige Adligen hergefahren, der Bekehrung zum christlichen Glauben beschuldigt, verurteilt und auf Lebenszeit in diese ferne Provinz des Imperiums verbannt. Die von der Macht wegen ihres Glaubens Verfolgten hatten die Stadt verlassen und sich in den umliegenden Wäldern versteckt. In kleinen Höhlen, unweit der verlassenen Orakelstätte einer unbekannten heidnischen Gottheit, führten die Verbannten, fern von der sündigen und grausamen Welt, ihr einsames Dasein.

 

Vierte Vision

 

Jahre vergingen. Die Lehre des Erlösers hatte längst die Herzen unzähliger Völker des Imperiums gewonnen. Die Allmächtigen, selbst die Herrscher, beugten ihre Häupter vor ihm.

Wie eine heilende Quelle zog die alte Kultstätte mit den Ruhmestaten der ersten Märtyrer immer neue und neue Nachfolger an. Ihnen zu Ehren wurde in der Nähe ein neuer Tempel errichtet. Daneben erhoben sich die Zinnenmauern einer kleinen Festung, die Mönchen und Gläubigen ihren Schutz bei Gefahr bot. Es waren unruhige Zeiten. Schwarze Wolken häuften sich an den Grenzen. Neue Stämme und Völker waren auf der Suche nach ihrem Platz unter der Sonne. Unter ihren Schlägen war das einst mächtige Imperium am Zerfallen. Wie ein trüber Strom verheerten die wilden Horden alles auf ihrem Weg. Versteckt in den Waldestiefen, wurde das Kloster wieder für viele ein letzter Hafen der Hoffnung. Rundherum rauchten die Feuerstätten neuer Ansiedlungen und Kinderstimmen waren im Walde zu hören. Der Tempel empfing zu Tode erschrockene Menschen. Mit innigen Bitten um Gnade und Erbarmen flehten sie den barmherzigen Gott an. Aber nichts konnte die Barbaren zurückhalten. Auch die Wege zu der heiligen Stätte blieben ihnen nicht verborgen und das war das Ende. Die letzten Verteidiger der Festung, eine Handvoll Menschen, verschwanden in den Labyrinthen unter der Erde und keiner hörte je etwas mehr von ihnen.

 

Fünfte Vision

 

Viel Zeit war seither verstrichen. Totenstille herrschte dort, wo früher fieberhaftes Leben war. Nur der Wind trieb durch die Ruinen umher. Die scheue Figur des einsamen Mönches tauchte kurz auf und brach das Schweigen, dann lag alles wieder still.

Unten, im Tal, suchten Stämme und Völker, wie kleine Kinder beim ersten Schritt, nach ihrem Weg zur geistigen Erleuchtung. Dort, auf den Ruinen des alten Imperiums wurde der Staat der Bulgaren gegründet. Es sollten aber Jahre vergehen, bis das neue Volk von der Wahrheit Gottes beseelt wurde. Die alten heidnischen Götter waren immer noch stark und die Samen, von dem Sohn Gottes gesät, fanden nur schwer Boden in den Herzen. Als sich der gottgesegnete bulgarische Fürst Boris zum christlichen Glauben bekannte und mit ihm auch sein ganzes Volk, göttliches Licht umleuchtete wieder dieses paradiesische Land. Jahrzehnte vergingen. Ehre und Wohlergehen waren dem bulgarischen Volke beschieden, von der weisen Lehre des Erlösers geführt. Der Ruhm und die Macht der ihm ergebenen Könige wurden weltweit bekannt.

Es kamen aber Tage der schweren Prüfung. Im Süden, aus den Trümmern des ehemaligen Imperiums, erwachten aufs neue das Böse und die gotteslästernde Herrschsucht. Des Erlösers Gebote verletzend, drangen die Byzantiner mit Feuer und Schwert in das bulgarische Reich ein. Ihrer friedlichen und schöpfenden Arbeit gewidmet, konnten die Bulgaren dieser gewaltigen Macht keinen Widerstand leisten und bald darauf waltete über sie die schwere Hand der byzantinischen Herrscher. Es folgten Jahre voll Plage und Leid. Im gesegneten Land der Bulgaren verübten Söldner und Räuber ihre üblen Gewalttaten. Es herrschten Unehre, Eigennützigkeit, Unzucht; die Byzantiner plünderten eher, statt von Gott und Rechts wegen zu leben. Von Gewalttaten und Elend vertrieben, verließen viele Bulgaren ihre Heimatsorte und wurden Mönche, andere siedelten wüste und öde Gebiete an.

Nun schlug auch die Stunde der einstigen heiligen Stätte. Einige Mönche suchten hier Schutz, in dieser gott- und menschenverlassenen Einöde. Es war Frühling. Sanfter Wind fächelte im Junggras und spielte ausgelassen im voll erblühten Gezweig. Und alle durch das Wort Gottes erschaffene Lebewesen flogen wie betäubt und genossen das Leben. Der uralte Wald, in der bläulichen Ruhe der alten Ruinen versteckt,verharrte in Erwartung, daß man seine jahrhundertealten Geheimnisse enthüllte. Alles umher war in seliger Ruhe versunken; auch der Leibhaftige, der ewige Feind Gottes, schien in tiefem Schlaf zu schweben. Von der schönen Landschaft, Ruhe und Stille bezaubert, entschlossen sich die Fremdlinge, hier für immer zu bleiben. Bald darauf gesellten sich auch andere Mönche zu ihnen. Um Gott für die wunderliche Erlösung dankzusagen und wieder das Feuer des Guten und des Glaubens zu entfachen, wurden sich die Mönchbrüder darüber einig, diesem Ort den alten Ruhm Christi wiederzugeben. Bald kannten das Höhlenkloster alle, denen Menschenliebe und Einfachheit in jener Zeit des Bösen und des Hasses treu war. Wie ein Leuchtturm versprühte er Geisteslicht, sein leiser Glockengesang erschallte als ein fernes Echo und erwärmte die verzweifelten Seelen.

Und als dank des Erlösers der königliche Stamm von Assen8  die Fremdherrschaft abwarf und das Bulgarische Reich wieder ins Leben rief, wurde diese wunderschöne Ecke mit Gottessegen umgossen. Wie eine Quelle, zu welcher alle Durst Verspürende strömen, so füllte sich auch diese wunderschöne Gegend mit frommen Menschen aus. In inniger Betrachtung und Gebeten verloren, begrüßten sie den Sonnenaufgang, warteten das Sinken der Sonne ab und in der dunklen Nacht starrten sie zum besternten Himmel hinauf und suchten nach Gotteszeichen. Himmlische Lieder flogen zum Himmel empor und priesen den Herrn, der über uns und unsere Taten wacht. Nicht weit vom Kloster, in winzigen, im Felsen ausgehöhlten Zellen, inmitten ewiger Stille, wohnten Einsiedler. Wie helle Sterne am Himmelszelt umleuchteten diese würdigen Väter mit ihren Taten das wunderschöne Kloster und ermutigten alle dazu, Geistesheilung  zu suchen.

 

Sechste Vision

 

Wie im Fluge zogen die Jahre vorüber. Wie im Schlummer lebte die heilige Stätte. Still und gehorsam führten die Mönche ihr Leben und priesen den Herrn. Mit jedem Tag wurde der Ruhm dieses gottgefälligen Hauses größer.

Der Widerchrist wurde aber wegen der würdigen Taten, der Rechtschaffenheit und der Wohlfahrt hier von Neid besessen. Um den Gehorsam und die Geduld der Christen zu prüfen, schickte er ihnen türkisches Pack entgegen. Wir schwarze Raben stürzten sie sich auf das ganze bulgarische Land. Das göttliche Licht erlosch, Menschen kamen um, in Feuer und Brandstätten ging das in Jahrhunderten Geschaffene auf immer verloren. Aus allen Richtungen strömten Mönche und Gläubige zum Kloster hin, von Gewalt und Zerrüttung vertrieben, und erzählten grausige Geschichten. Mit sich trugen sie das Kostbarste - goldgedruckte Bücher, Ikonen, liturgische Gefäße. Um nicht zugrunde zu gehen, wurden hier die Schätze aus zwanzig Klöstern gesammelt, welche die Türken zerstörten. Denn - Menschen kamen und gingen, aber das von ihnen Geschaffene sollte heil bleiben. Es wurde beschlossen, das Gesammelte in der geheimen Schatzkammer zu verbergen. Seit Jahrhunderten schon lag sie unweit des Klosters, aber nur die Eingeweihten wußten darum. Einmal, zur nächtlichen Stunde, als alle schliefen, bestellte der Abt einige Mönche zu sich und alles wurde heimlich versteckt. Bald darauf erreichten die Eroberer auch diese stille Ecke. Die wohlklingenden Stimmen der Vögel im Walde verstummten inmitten der Flammen und Klagen der letzten Messe. Der blutfarbene Widerschein warf seine unheilverkündenden Schatten auf die düsteren Gesichter der Fremdherrscher. Ihre Wut war grenzlos - die langersehnten Schätze waren spurlos verschwunden und mit ihnen war auch der letzte Abt des Aladja-Klosters in den geheimen Labyrinthen darunter versunken.

Die am Leben gebliebenen Mönche kamen erst nach Jahren wieder zurück, vor ihren Augen aber standen nur Ruinen. Nichts konnte mehr die alte heilige Stätte auferwecken. Nur die einsamen Mönche waren, wie bleiche Schatten längst verschütteter Ruhmeszeiten, hier und da in den Trümmern zu sehen. Die Gläubigen aus den naheliegenden Dörfern kamen an Sonntagen hierher und zündeten ihre Kerzen in der Klosterkirche.

 

Siebente Vision

 

Jahre vergingen. Von allen verlassen, lag das alte Felsenkloster vergessen. Sträuche und Wildreben umhüllten Ruinen und Menschenwege. Wie ausgeblasene Kerzchen erlöschten die Gesichter auf Ikonen und Wandmalereien. Der Wind und die Naturgewalten wischten Aufschriften und Spuren des alten Ruhms. Nur die Antlitze des Erlösers und der Gottesmutter, wie durch ein Wunder erhaltengeblieben, blickten versonnen und traurig in die Einöde. Irgendwo, in dem Nichtsein, von allen vergessen, war auch der christliche Name des Klosters verschwunden. Wie ein Schatten aus der düsteren Zeit der Fremdherrschaft blieb nur sein türkischer Name “Aladja” - der Bunte - zurück.

Da gingen aber weiter die Gerüchte von verborgenen Schätzen und von den Geistern der geheimnisvollen Mönchbrüder, die durch die Ruinen umherirrten. Ein junger Novize9 wollte das Geheimnis enthüllen. Ihm wurde der Eingang zur Schatzkammer kund und nächtlicherweile stieg er die Felsentiefen hiunter. Am Morgen danach fanden ihn zufällig vorbeigehende Mönche ohnmächtig vor. In zahllosen Büscheln war diesem Unglückseligen der Bart verflochten und in die Nasenlöcher gesteckt, seine Hände und die Taschen seiner Mönchkutte waren voll Kostbarkeiten. Von seiner wirren Rede erfuhren die Mönche von endlosen tückischen Gängen unter der Erde, von grundlosen Tiefen und versteckten Fallen, die jedem Uneingeweihten auf Schritt und Tritt lauerten. Erst am Rande eines der unterirdischen Labyrinthe, hätte er eine riesige Höhle entdeckt und ein verbüffender Anblick hätte sich vor seine Augen eröffnet - überall lagen Bücher und Ikonen, goldene und silberne Kreuze, kostbares Liturgiegefäß, Juwellen, riesengroße Standbilder unbekannter heidnischen Götter. All diese Reichtümer glänzten, von einem grabmäßigen Lichte erleuchtet. Und in der entferntesten Ecke der Höhle, auf steinernem Lager, schlief majestätisch ein Greis. Rundherum standen brennende Kerzen. Plötzlich wachte er auf und mit einer zornerfüllten Stimme sprach er zu dem  Friedensstörer dieser Grabesstille: Wer bist du, Teufelsgeist, der sich es wagt, den Frieden dieser heiligen Stätte zu stören? Im selben Augenblick erwachte alles umher. Die Erde dröhnte und die Höhlengewölbe barsten. Alles drehte sich vor den Augen des Novizen und er fiel bewußtlos hin. Aus der Ohnmacht erwacht, sah er dann nur die verblüfften Gesichter der Mönche. Er konnte sich nicht mehr auf den Rückweg entsinnen und wie die Schätze in seinen Taschen und Händen herkamen. Die Mönche trauten ihm nicht und als der Novize ihnen den Weg zum geheimen Gang zeigen wollte, war gar nichts zu finden.

Bald darauf verschenkte der junge Novize dem nahliegenden Kloster den Schatz und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Seine Geschichte von verborgenen Schätzen und von den schreckerregenden Erlebnissen in jenem Labyrinth unter der Erde hatte zur Folge, daß alle vor Furcht diese grausige Stätte von nun an mieden.

 

Achte Vision

 

Es ist schon lange her. In der grauenhaften Zeit der türkischen Fremdherrschaft hausten hierzulande die Räuber des gefürchteten Kurdoolus. Niemand traute sich, in der Nähe des alten Klosters zu übernachten, denn, so sprach es sich herum, gäbe es dann für ihn keinen Weg mehr zurück. Irrende Lichter sollten unter den uralten Bäumen und in den Felsen erschienen sein und darum mied jeder, vor Angst, diese grausigen Riesenfelsen.

Ein Sandler bewohnte damals die verlassenen Zellen im Felsen. Tagsüber durchstreifte er die nahliegenden Dörfer, schlug sich ehrlich durch, und nachts, wenn die Finsternis auf die Ruinen heraufzog, schlief er ein, dem geheimnisvollen Rausch des Waldes und der Ruinen horchend. Aus seiner Nachtruhe wurde der Sandler durch ein Geräusch aufgeschreckt. Dreimal kreischte die Eule. Glocken erschallten dumpf. Ein leiser Mönchgesang, und inmitten der Trümmer - ein wunderlicher Lichtertanz. Plötzlich tauchte aus dem Dunkel die Gestalt des alten Mönches auf. Seine Augen brannten wie Glut, sein langer Bart schleifte auf der Erde. Er setzte sich zu dem erschrockenen Sandler auf seinem steinernen Lager und begann mit leiser Stimme, die Geschichte des Klosters zu erzählen. Als die ersten Hähne aus den nahliegenden Dörfern krähten, war auch der Mönch weg. Jede Nacht kam er von neuem und setzte seine Erzählung fort. Einmal hatte er dem Sandler anvertraut, es gäbe unweit der Ruinen, seit heidnischer Zeit her, ein unterirdisches Gewölbe, in dem unzählige Kostbarkeiten wären. Im selben Augenblick war der erste Hahnenschrei zu hören, dann war er wieder verschwunden. In der Nacht darauf wartete der Sandler vergebens auf seinen geheimnisvollen nächtlichen Gast, er kam aber nimmer mehr.

Dann entschloß sich der Sandler, allein die Schatzkammer zu suchen. Niemand weiß, ob er dieses Geheimnis enthüllte, aber den Bauern hier erzählte er, daß er ein altes unterirdisches Gewölbe entdeckt hätte, in dem neunundvierzig Höhlen und Abgründe wären. Da unten hätte er ein großes eisernes Tor, mit einem riesengroßen Schloß von innen versperrt, gesehen, und als er es zu öffnen versuchte, hätte er eine fürchterliche Stimme gehört, da wäre er weggelaufen. Die Bauern trauten ihm nicht, aber auch die Türken erfuhren davon. Aus Varna kam ein Pascha mit seinen Soldaten. Sie fesselten den Sandler und zwangen ihn, ihnen den geheimen Weg zur Schatzkammer zu zeigen. Da unten angekommen, fanden sie nichts. Mit Unrecht wurde der Sandler beschuldigt, den Feinden des Sultans im Dienste zu stehen, und war in den Kerker geworfen.

Erst viele Jahre nach der Befreiung Bulgariens von den Türken kam er zurück. Eines Tages gingen der Sandler und einige Bauern aus dem benachbarten Dorf in den Wald und als sie wieder zurückkamen, trugen sie drei Säcke voll Gold...

 

Neunte Vision

 

... Heute kennt kein Sterblicher den Weg zur geheimen Schatzkammer. Vergebens suchen Schatzgräber danach. Der uralte Wald und die Felsen bergen ihre Geheimnisse schweigend. Draufgänger, die es wagten, sich in stockfinsteren Nächten den Ruinen zu nähern, erzählen, daß dort sonderbare Lichter flackerten und aus dem Erdinneren dumpfer Glockengesang erschallte.

Nun ist es still. Nur in den Ruinen pfeifen die Winde und erzählen in unbekannter Sprache die Geschichte der heiligen Stätte. Wenn die Sonne auf- und untergeht, und wenn die Stunde zum Gottesdienst kommt, von überall her ist das nicht zu Ende gesungene Lied der Mönche zu hören. Die himmlische Messe hat schon begonnen und eine Stimme raunt leise Gebete, die sich mit den zahllosen Stimmen der Vögel im Walde vereinigen. An den Frühlingsmorgen, wenn der milchweiße Schleier des Nebels alles umhüllt, taucht aus den Felstiefen die einsame Gestalt des geheimnisvollen Mönches auf. Die Leute im Orte nennen ihn Rom Papa. Jeden Frühling erscheint er und irrt durch den Wald und die Ruinen. Und wenn er einem begegnet, fragt er, ob es in der Gegend Hatschuka10 immer noch Treibstöcke für Pferde gäbe, ob die Kühe noch kälben und die Frauen auch gebären. Antwortet der Angesprochene bejahend auf seine Fragen, dann erwidert er, es sei immer noch Zeit! Dann schließt er die Augen und verschwindet. Und so wird es weitergehen, solange das Kloster und der uralte Wald bestehen. Sollte es sie irgendwann nicht mehr geben, dann geschieht etwas Ungewöhnliches, aber niemand wüßte, was.

 

Der Ewige kommt nicht mehr, doch sitze ich jede Nacht hier, in den Ruinen. Suche überall, doch nirgends kann ich ihn finden. In der vergangenen Nacht wieder. Es ist schon um Mitternacht. Der Himmel - stockfinster. Der Mond lauert hinter den Wolken und irgendwo ist das Gelächter der Eule zu hören. Totenschatten irren umher. Der Wind wirbelt sie aus und dreht sie in Sträuchen und Felsen zusammen. Ich horche auf die Mönchslieder... Auch auf die Gebetsgeflüster... Ersticktes Stöhnen. Niemand ist da. Das alte Kloster ist tot. Nur der Ewige soll irgendwo dort, unten, in den düsteren Labyrinthen der unterirdischen Schatzkammer sein. Ich sehe ihn - kniend, auf dem steinernen Boden, inmitten zerstreuter Kostbarkeiten - Bruchstücke der Zeit und der menschlichen Eitelkeit. Das Haupt im Gebet zum weiten Firmament hinerhoben, weiß er: Gott erwartet ihn mit all seiner Engelschar. Höre seine Worte aus den Felsentiefen: Mein Lebensfaden sei eigens in meinen Händen, von mir hänge es ab, wann ich das Knäuel zum Ende aufwickele.

Schlaflose Nächte, ich überlege. Ist es schon an der Zeit, daß der Ewige die Tore zu den verborgenen Schätzen öffnet? Ich weiß es nicht... Mir scheint, die Menschen sind immer noch taub und blind, und befolgen falschen Propheten. Sehen mit Augen, statt mit dem Herzen. Nicht die Schönheit sehen sie, vielmehr das einfache Metall, ihre Seelen verbrennen unter dem schweren Glanz. Darum möge die dunkle Schlucht der Fallen noch offen bleiben. Du, Schwarzhemdiger, die Stunde hat noch nicht geschlagen! Die Menschen sollen allein jene Brücke über die Schluchten bauen, die sie zu den Ewigen Quellen führt!

Darin getränkt, gereinigt und wiedergeboren, kann die menschliche Seele das göttliche Licht erblicken, wie auch jene Musik hören, die aus dem Herzen der Ewigkeit sprüht...

Amen!