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...Vergeblich,
doch notiere ich weiter, es möge nicht in Vergessenheit geraten! Irre
durch die verwitterten Mauern der Zeit verloren umher. Die Zeit, die
alles dahinschleppt und alles fortträgt, was den Weg des Irdischen
geht. Notiere. Eine unüberwindbare Hürde will ich vor dem rasenden
Lauf der Jahre errichten. Und mögen die Worte in ihrer Umarmung
Ereignisse und Erinnerungen festhalten und sie nicht in den Abgrund des
Vergessenseins mit sich reißen. Nur Gott allein weiß, ob das
Niedergeschriebene heil bleibt und wie es jene, die hinter uns kommen,
beurteilen. Es ist pure Eitelkeit, sagen sie dann... Sei
es dem auch. Wer könnte sich aber vor den eigenen Trugbildern und
Gedanken verstecken, wenn er auf immer ein Teil der Märchenwelt
geworden ist, jener heiligen Stätte, verhüllt von dem Geisterschleier
der Legenden, von den Bruchstücken längst verwehter menschlicher
Meisterwerke bestreut. Ja, wenn sich seine Wege immerfort mit den ewigen
Schatten der Vergangenheit kreuzen. Der
Ewige, - ein letzter, schwebender, von den toten Ruinen hingeworfener
Schatten, - der ewige und ruhelose Geist, und nur Gott weiß es, zu
welcher Zeit und welche Winde ihn hierher, in diese Einöde, getragen
haben. Er ist der Erstpriester und ferner Bote der heidnischen Großgötter.
Noch mehr - einer der ersten Christusnachfolger, der Eitelkeit der Welt
entflohen. Einer jener Unglückseligen, von Gewalttaten und Elend
verscheucht, den letzten Zufluchtsort in den Waldestiefen gefunden. Auch
jener unbekannte Abt, der die bulgarischen Heiligtümer vor den Türken
in der geheimnisvollen Schatzkammer verborgen hatte. Er ist der rätselhafte
“schwarze” Mönch Rom-Papa - der Wächter der altertümlichen Schätze.
Die menschliche Phantasie könnte sich die Endlosigkeit der Zeit, aus
der heraus er ins Dasein gekommen war, kaum vorstellen. Der
Ewige. Zum ersten Mal begegnete ich ihm an einem Frühlingsmorgen unweit
der alten Klosterruinen. Der Nebel zog träge seine weißen Schwaden über
die umliegenden Felsen. Die Sonne, eine riesige goldene Spinne, bemühte
sich, alles in ihre lichte Spinnwebe zu verwickeln, als wollte sie es
auf ewig verwahren. Dann sah ich ihn - eine schwarze Mönchgestalt auf
dem im Nebel schwindenden Pfad. Eine weite Kapuze verdeckte seine Augen,
mir schien aber, einen durchdringenden Blick zu spüren, der mich
aufforderte, ihm zu folgen. Ich wandte mich um und lief davon. Ich
stolperte und stürzte, hatte das Gefühl, er folge mir. Er
kam in der Nacht wieder. Mit einem Mal erschien er aus der Finsternis
und sprach zu mir, ich könne nirgends fortlaufen, niemand könne seinem
Schicksal entfliehen, jetzt stehe ich in seiner Macht, er suche mich in
meinen Nächten auf. Da ist er - mir gegenüber, aufgerichtet, in einem
schwarzen, über die Jahrhunderte verblichenen Priestergewand, sein
schwerer Blick ruht auf mich. Seit dieser Nacht sind die Visionen mein
Leben und meine Begegnungen mit dem Ewigen - mein Schicksal geworden.
Begegnungen? Wer weiß, ob ich ihm jemals begegnet bin, oder mir scheint
nur, Trugbilder zu sehen? Jede Nacht ist er mein Gast und ich bin mir
sicher, er gönnt mir keine Ruh’, ehe ich seine Geschichten nicht gehört
habe. Ob diese Geschichten etwas wert sind, sagt er nicht. Jede hat ihre
Zeit, aber ich bin mir schon bewußt, daß ich ein Teil derer bin und
komme niemals zur Ruhe, ehe ich sie nicht weiter erzählt habe...
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Der
Seeküste unweit ist ein wunderliches Gelände. Von den ersten
Sonnenstrahlen liebkost, von dem zärtlichen Atem der See erwärmt, als
schliefe es in der Wiege der Erinnerungen... Einst,
vor Millionen Jahren, spülten die Wellen der alten Sarmater See diese Küste.
Verlassen und einsam war die Welt umher und nur die Winde trieben ihr
Spiel über der endlosen Meeresweite. Vergangene Jahrtausende. Allmählich
zog sich das Meer zurück und dichte Wälder verdeckten den einstigen
Meeresgrund. Wilde Bäche ergossen ihr klares Wasser hinunter und ihr
klingendes Lied erschallte überall hin. In den Wäldern widerhallte
Vogelgesang. Inmitten dieser Einöde, als einsame Fremdlinge, auf dem
Weg ins Ungewisse, ragten hohe Felsen empor, in denen Sonne und Wind
ihre steinernen Märchen gemeißelt hatten. Niemand
weiß es mit Sicherheit, wann hier erstmals menschliche Rede die Stille
dieser Stätte gestört hat, aber vor vielen, vielen Jahren sind hier,
in diesem prachtvollen Eckchen, die alten Geten1
zugegen gewesen. In der geheimnisvollen Finsternis der uralten Wälder,
in der abgrundtiefen Höhle, haben sie einen Tempel des Großen Gottes
Zalmoxis errichtet. Seit jeher, seit der Zeit ihrer Urahnen, hat der
Gott mit Meißel und Hammer den Fels seinesgleichen gemeißelt. So hat
der “Steinerne Mensch” das Tageslicht erblickt. Danach ist der Gott
in die Felsentiefen geschlüpft. Die Geten beklagten ihn. Vier Jahre später
ist er wieder erschienen und zum Obersten Priester und Gott ausgerufen
worden. Sein Haus ist tief unter der Erde gewesen, unzugänglich für
die Sterblichen. Seit
dieser Zeit, um gesegnete Tage für die Geten zu erbeten, schickten die
Priester alle vier Jahre dem Großen Gott je einen Boten. Immer wählten
sie den würdigsten und in den Schlachten gerühmtesten Mann und nur zu
Morgenstund’, wenn der erste Sonnenstrahl den Tempel gestreichelt
hatte, warfen sie den Boten auf drei in die Erde eingeschlagene Speere.
Die in Blut gebadeten Speerspitzen ‘glänzten wie drei Rosen, die
Priester raunten ihre Gebete. Und wehe allen, wenn der Bote nicht auf
der Stelle gestorben war. Sollte er sich lange quälen, so kämen auf
die Geten schwere Jahre herbei.
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Fünf
Tage vorbei, und immer noch stand das makedonische Heer vor den Mauern
von Odessos2.
Die hohen Festungsmauern gaben ihren Verteidigern zuverlässigen Schutz
und nichts konnte ihren Widerstand brechen. Nachts, weit von den
Stadtmauern, brannten ununterbrochen die Feuer der Eindringlinge. Des
Morgens rannten sie wieder auf die Stadt angestürmt, hartnäckig und rücksichtslos.
Ein Regen von Pfeilen und Speeren überschüttete die Umzingelten. Der
Leichengestank vergiftete die Luft umher. Die
Belagerung dehnte sich aus, aber all’ die Versuche der Eindringlinge,
die Festung zu bezwingen, mißlangen. Schließlich gab der makedonische
König Philipp nach, bot Odessos seine Freundschaft und ein Bündnis und
ließ die Gefangenen in Frieden nach Hause gehen. Dann öffneten sich
die unbezwingbaren Tore vor ihm. Riesengroße Menschenzüge umjubelten
den Großen Feldherrn. Voran gingen die getischen Priester, in Weiß
gekleidet, mit Zithern in den Händen, wie der Brauch besagte. Mitten in
den Feierlichkeiten, an einer in der Umgebung versteckten Orakelstätte,
brachte der makedonische Herrscher, nur von den Priestern begleitet, dem
Großen getischen Gott Zalmoxis seine Gaben dar. Um dieses Ereignis zu
ehren und das geschlossene Bündnis zu festigen, gebot der König
Philipp, eine neue Stadt mit seinem Namen in der Nähe zu errichten. Ob
die Befehle des großen Herrschers erfüllt und wo diese Stadt gebaut
wurde, bleibt unbekannt. Die Legenden erzählen, daß Jahrhunderte
danach auf ihren Ruinen das älteste Mönchkloster in dieser Gegend
entstanden sei. |
Groß
und ruhmreich war das alte Odessos in den ersten Jahrhunderten nach
Christi Geburt. Die einstige Handelsniederlassung, die griechische
Seefahrer gründeten, hatte sich zu einer großen und schönen Stadt
entwickelt. Ihre Schlösser und Tempel aus hellstem Stein glänzten
unter den grellen Sonnenstrahlen und die mächtigen Festungsmauern
widerspiegelten sich im klaren Wasser des Pontos3.
Tausende von Masten hoben sich in dem Hafen empor. Von den Küsten des
Istros4
und der Taurika5
aus bis zu dem Hellespont6
und den Herkulessäulen7
hin, kreuzten Schiffe von Odessos, mit Korn und mit Sklaven, mit Wein
und Wohldüften beladen und trugen seinen Ruhm im ganzen Römischen
Reich herum. Lärmendes, vielsprachiges Menschengewimmel war in den Straßen
und auf den Plätzen der antiken Stadt zu sehen. Dort vereinten sich wie
in einem bunten Strom Begeisterung und Verfall, Pracht und Armut.
Fremdlinge gingen unter den Leuten, predigten Gehorsam und Menschenliebe
und verkündeten den Verfall des mächtigen Imperiums. Zu Tode wurden
diese und deren Nachfolger gemartert, unzählige Leidenskreuze wurden
errichtet. Mit Feuer und Schwert wollten die Tyrannen den neuen
Glauben vernichten. Einmal
wurden aus Rom einige Adligen hergefahren, der Bekehrung zum
christlichen Glauben beschuldigt, verurteilt und auf Lebenszeit in diese
ferne Provinz des Imperiums verbannt. Die von der Macht wegen ihres
Glaubens Verfolgten hatten die Stadt verlassen und sich in den
umliegenden Wäldern versteckt. In kleinen Höhlen, unweit der
verlassenen Orakelstätte einer unbekannten heidnischen Gottheit, führten
die Verbannten, fern von der sündigen und grausamen Welt, ihr einsames
Dasein.
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Jahre
vergingen. Die Lehre des Erlösers hatte längst die Herzen unzähliger
Völker des Imperiums gewonnen. Die Allmächtigen, selbst die Herrscher,
beugten ihre Häupter vor ihm. Wie
eine heilende Quelle zog die alte Kultstätte mit den Ruhmestaten der
ersten Märtyrer immer neue und neue Nachfolger an. Ihnen zu Ehren wurde
in der Nähe ein neuer Tempel errichtet. Daneben erhoben sich die
Zinnenmauern einer kleinen Festung, die Mönchen und Gläubigen ihren
Schutz bei Gefahr bot. Es waren unruhige Zeiten. Schwarze Wolken häuften
sich an den Grenzen. Neue Stämme und Völker waren auf der Suche nach
ihrem Platz unter der Sonne. Unter ihren Schlägen war das einst mächtige
Imperium am Zerfallen. Wie ein trüber Strom verheerten die wilden
Horden alles auf ihrem Weg. Versteckt in den Waldestiefen, wurde das
Kloster wieder für viele ein letzter Hafen der Hoffnung. Rundherum
rauchten die Feuerstätten neuer Ansiedlungen und Kinderstimmen waren im
Walde zu hören. Der Tempel empfing zu Tode erschrockene Menschen. Mit
innigen Bitten um Gnade und Erbarmen flehten sie den barmherzigen Gott
an. Aber nichts konnte die Barbaren zurückhalten. Auch die Wege zu der
heiligen Stätte blieben ihnen nicht verborgen und das war das Ende. Die
letzten Verteidiger der Festung, eine Handvoll Menschen, verschwanden in
den Labyrinthen unter der Erde und keiner hörte je etwas mehr von
ihnen.
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Viel
Zeit war seither verstrichen. Totenstille herrschte dort, wo früher
fieberhaftes Leben war. Nur der Wind trieb durch die Ruinen umher. Die
scheue Figur des einsamen Mönches tauchte kurz auf und brach das
Schweigen, dann lag alles wieder still. Unten,
im Tal, suchten Stämme und Völker, wie kleine Kinder beim ersten
Schritt, nach ihrem Weg zur geistigen Erleuchtung. Dort, auf den Ruinen
des alten Imperiums wurde der Staat der Bulgaren gegründet. Es sollten
aber Jahre vergehen, bis das neue Volk von der Wahrheit Gottes beseelt
wurde. Die alten heidnischen Götter waren immer noch stark und die
Samen, von dem Sohn Gottes gesät, fanden nur schwer Boden in den
Herzen. Als sich der gottgesegnete bulgarische Fürst Boris zum
christlichen Glauben bekannte und mit ihm auch sein ganzes Volk, göttliches
Licht umleuchtete wieder dieses paradiesische Land. Jahrzehnte
vergingen. Ehre und Wohlergehen waren dem bulgarischen Volke beschieden,
von der weisen Lehre des Erlösers geführt. Der Ruhm und die Macht der
ihm ergebenen Könige wurden weltweit bekannt. Es
kamen aber Tage der schweren Prüfung. Im Süden, aus den Trümmern des
ehemaligen Imperiums, erwachten aufs neue das Böse und die gotteslästernde
Herrschsucht. Des Erlösers Gebote verletzend, drangen die Byzantiner
mit Feuer und Schwert in das bulgarische Reich ein. Ihrer friedlichen
und schöpfenden Arbeit gewidmet, konnten die Bulgaren dieser gewaltigen
Macht keinen Widerstand leisten und bald darauf waltete über sie die
schwere Hand der byzantinischen Herrscher. Es folgten Jahre voll Plage
und Leid. Im gesegneten Land der Bulgaren verübten Söldner und Räuber
ihre üblen Gewalttaten. Es herrschten Unehre, Eigennützigkeit,
Unzucht; die Byzantiner plünderten eher, statt von Gott und Rechts
wegen zu leben. Von Gewalttaten und Elend vertrieben, verließen viele
Bulgaren ihre Heimatsorte und wurden Mönche, andere siedelten wüste
und öde Gebiete an. Nun
schlug auch die Stunde der einstigen heiligen Stätte. Einige Mönche
suchten hier Schutz, in dieser gott- und menschenverlassenen Einöde. Es
war Frühling. Sanfter Wind fächelte im Junggras und spielte
ausgelassen im voll erblühten Gezweig. Und alle durch das Wort Gottes
erschaffene Lebewesen flogen wie betäubt und genossen das Leben. Der
uralte Wald, in der bläulichen Ruhe der alten Ruinen
versteckt,verharrte in Erwartung, daß man seine jahrhundertealten
Geheimnisse enthüllte. Alles umher war in seliger Ruhe versunken; auch
der Leibhaftige, der ewige Feind Gottes, schien in tiefem Schlaf zu
schweben. Von der schönen Landschaft, Ruhe und Stille bezaubert,
entschlossen sich die Fremdlinge, hier für immer zu bleiben. Bald
darauf gesellten sich auch andere Mönche zu ihnen. Um Gott für die
wunderliche Erlösung dankzusagen und wieder das Feuer des Guten und des
Glaubens zu entfachen, wurden sich die Mönchbrüder darüber einig,
diesem Ort den alten Ruhm Christi wiederzugeben. Bald kannten das Höhlenkloster
alle, denen Menschenliebe und Einfachheit in jener Zeit des Bösen und
des Hasses treu war. Wie ein Leuchtturm versprühte er Geisteslicht,
sein leiser Glockengesang erschallte als ein fernes Echo und erwärmte
die verzweifelten Seelen.
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Wie
im Fluge zogen die Jahre vorüber. Wie im Schlummer lebte die heilige Stätte.
Still und gehorsam führten die Mönche ihr Leben und priesen den Herrn.
Mit jedem Tag wurde der Ruhm dieses gottgefälligen Hauses größer. Der
Widerchrist wurde aber wegen der würdigen Taten, der Rechtschaffenheit
und der Wohlfahrt hier von Neid besessen. Um den Gehorsam und die Geduld
der Christen zu prüfen, schickte er ihnen türkisches Pack entgegen.
Wir schwarze Raben stürzten sie sich auf das ganze bulgarische Land.
Das göttliche Licht erlosch, Menschen kamen um, in Feuer und Brandstätten
ging das in Jahrhunderten Geschaffene auf immer verloren. Aus allen
Richtungen strömten Mönche und Gläubige zum Kloster hin, von Gewalt
und Zerrüttung vertrieben, und erzählten grausige Geschichten. Mit
sich trugen sie das Kostbarste - goldgedruckte Bücher, Ikonen,
liturgische Gefäße. Um nicht zugrunde zu gehen, wurden hier die Schätze
aus zwanzig Klöstern gesammelt, welche die Türken zerstörten. Denn -
Menschen kamen und gingen, aber das von ihnen Geschaffene sollte heil
bleiben. Es wurde beschlossen, das Gesammelte in der geheimen
Schatzkammer zu verbergen. Seit Jahrhunderten schon lag sie unweit des
Klosters, aber nur die Eingeweihten wußten darum. Einmal, zur nächtlichen
Stunde, als alle schliefen, bestellte der Abt einige Mönche zu sich und
alles wurde heimlich versteckt. Bald darauf erreichten die Eroberer auch
diese stille Ecke. Die wohlklingenden Stimmen der Vögel im Walde
verstummten inmitten der Flammen und Klagen der letzten Messe. Der
blutfarbene Widerschein warf seine unheilverkündenden Schatten auf die
düsteren Gesichter der Fremdherrscher. Ihre Wut war grenzlos - die
langersehnten Schätze waren spurlos verschwunden und mit ihnen war auch
der letzte Abt des Aladja-Klosters in den geheimen Labyrinthen darunter
versunken.
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Jahre
vergingen. Von allen verlassen, lag das alte Felsenkloster vergessen.
Sträuche und Wildreben umhüllten Ruinen und Menschenwege. Wie
ausgeblasene Kerzchen erlöschten die Gesichter auf Ikonen und
Wandmalereien. Der Wind und die Naturgewalten wischten Aufschriften und
Spuren des alten Ruhms. Nur die Antlitze des Erlösers und der
Gottesmutter, wie durch ein Wunder erhaltengeblieben, blickten versonnen
und traurig in die Einöde. Irgendwo, in dem Nichtsein, von allen
vergessen, war auch der christliche Name des Klosters verschwunden. Wie
ein Schatten aus der düsteren Zeit der Fremdherrschaft blieb nur sein türkischer
Name “Aladja” - der Bunte - zurück. Da
gingen aber weiter die Gerüchte von verborgenen Schätzen und von den
Geistern der geheimnisvollen Mönchbrüder, die durch die Ruinen
umherirrten. Ein junger Novize9
wollte das Geheimnis enthüllen. Ihm wurde der Eingang zur Schatzkammer
kund und nächtlicherweile stieg er die Felsentiefen hiunter. Am Morgen
danach fanden ihn zufällig vorbeigehende Mönche ohnmächtig vor. In
zahllosen Büscheln war diesem Unglückseligen der Bart verflochten und
in die Nasenlöcher gesteckt, seine Hände und die Taschen seiner Mönchkutte
waren voll Kostbarkeiten. Von seiner wirren Rede erfuhren die Mönche
von endlosen tückischen Gängen unter der Erde, von grundlosen Tiefen
und versteckten Fallen, die jedem Uneingeweihten auf Schritt und Tritt
lauerten. Erst am Rande eines der unterirdischen Labyrinthe, hätte er
eine riesige Höhle entdeckt und ein verbüffender Anblick hätte sich
vor seine Augen eröffnet - überall lagen Bücher und Ikonen, goldene
und silberne Kreuze, kostbares Liturgiegefäß, Juwellen, riesengroße
Standbilder unbekannter heidnischen Götter. All diese Reichtümer glänzten,
von einem grabmäßigen Lichte erleuchtet. Und in der entferntesten Ecke
der Höhle, auf steinernem Lager, schlief majestätisch ein Greis.
Rundherum standen brennende Kerzen. Plötzlich wachte er auf und mit
einer zornerfüllten Stimme sprach er zu dem
Friedensstörer dieser Grabesstille: Wer bist du, Teufelsgeist,
der sich es wagt, den Frieden dieser heiligen Stätte zu stören? Im
selben Augenblick erwachte alles umher. Die Erde dröhnte und die Höhlengewölbe
barsten. Alles drehte sich vor den Augen des Novizen und er fiel bewußtlos
hin. Aus der Ohnmacht erwacht, sah er dann nur die verblüfften
Gesichter der Mönche. Er konnte sich nicht mehr auf den Rückweg
entsinnen und wie die Schätze in seinen Taschen und Händen herkamen.
Die Mönche trauten ihm nicht und als der Novize ihnen den Weg zum
geheimen Gang zeigen wollte, war gar nichts zu finden.
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Es
ist schon lange her. In der grauenhaften Zeit der türkischen
Fremdherrschaft hausten hierzulande die Räuber des gefürchteten
Kurdoolus. Niemand traute sich, in der Nähe des alten Klosters zu übernachten,
denn, so sprach es sich herum, gäbe es dann für ihn keinen Weg mehr
zurück. Irrende Lichter sollten unter den uralten Bäumen und in den
Felsen erschienen sein und darum mied jeder, vor Angst, diese grausigen
Riesenfelsen. Ein
Sandler bewohnte damals die verlassenen Zellen im Felsen. Tagsüber
durchstreifte er die nahliegenden Dörfer, schlug sich ehrlich durch,
und nachts, wenn die Finsternis auf die Ruinen heraufzog, schlief er
ein, dem geheimnisvollen Rausch des Waldes und der Ruinen horchend. Aus
seiner Nachtruhe wurde der Sandler durch ein Geräusch aufgeschreckt.
Dreimal kreischte die Eule. Glocken erschallten dumpf. Ein leiser Mönchgesang,
und inmitten der Trümmer - ein wunderlicher Lichtertanz. Plötzlich
tauchte aus dem Dunkel die Gestalt des alten Mönches auf. Seine Augen
brannten wie Glut, sein langer Bart schleifte auf der Erde. Er setzte
sich zu dem erschrockenen Sandler auf seinem steinernen Lager und begann
mit leiser Stimme, die Geschichte des Klosters zu erzählen. Als die
ersten Hähne aus den nahliegenden Dörfern krähten, war auch der Mönch
weg. Jede Nacht kam er von neuem und setzte seine Erzählung fort.
Einmal hatte er dem Sandler anvertraut, es gäbe unweit der Ruinen, seit
heidnischer Zeit her, ein unterirdisches Gewölbe, in dem unzählige
Kostbarkeiten wären. Im selben Augenblick war der erste Hahnenschrei zu
hören, dann war er wieder verschwunden. In der Nacht darauf wartete der
Sandler vergebens auf seinen geheimnisvollen nächtlichen Gast, er kam
aber nimmer mehr. Dann
entschloß sich der Sandler, allein die Schatzkammer zu suchen. Niemand
weiß, ob er dieses Geheimnis enthüllte, aber den Bauern hier erzählte
er, daß er ein altes unterirdisches Gewölbe entdeckt hätte, in dem
neunundvierzig Höhlen und Abgründe wären. Da unten hätte er ein großes
eisernes Tor, mit einem riesengroßen Schloß von innen versperrt,
gesehen, und als er es zu öffnen versuchte, hätte er eine fürchterliche
Stimme gehört, da wäre er weggelaufen. Die Bauern trauten ihm nicht,
aber auch die Türken erfuhren davon. Aus Varna kam ein Pascha mit
seinen Soldaten. Sie fesselten den Sandler und zwangen ihn, ihnen den
geheimen Weg zur Schatzkammer zu zeigen. Da unten angekommen, fanden sie
nichts. Mit Unrecht wurde der Sandler beschuldigt, den Feinden des
Sultans im Dienste zu stehen, und war in den Kerker geworfen. Erst
viele Jahre nach der Befreiung Bulgariens von den Türken kam er zurück.
Eines Tages gingen der Sandler und einige Bauern aus dem benachbarten
Dorf in den Wald und als sie wieder zurückkamen, trugen sie drei Säcke
voll Gold...
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...
Heute kennt kein Sterblicher den Weg zur geheimen Schatzkammer.
Vergebens suchen Schatzgräber danach. Der uralte Wald und die Felsen
bergen ihre Geheimnisse schweigend. Draufgänger, die es wagten, sich in
stockfinsteren Nächten den Ruinen zu nähern, erzählen, daß dort
sonderbare Lichter flackerten und aus dem Erdinneren dumpfer
Glockengesang erschallte. Nun
ist es still. Nur in den Ruinen pfeifen die Winde und erzählen in
unbekannter Sprache die Geschichte der heiligen Stätte. Wenn die Sonne
auf- und untergeht, und wenn die Stunde zum Gottesdienst kommt, von überall
her ist das nicht zu Ende gesungene Lied der Mönche zu hören. Die
himmlische Messe hat schon begonnen und eine Stimme raunt leise Gebete,
die sich mit den zahllosen Stimmen der Vögel im Walde vereinigen. An
den Frühlingsmorgen, wenn der milchweiße Schleier des Nebels alles umhüllt,
taucht aus den Felstiefen die einsame Gestalt des geheimnisvollen Mönches
auf. Die Leute im Orte nennen ihn Rom Papa. Jeden Frühling erscheint er
und irrt durch den Wald und die Ruinen. Und wenn er einem begegnet,
fragt er, ob es in der Gegend Hatschuka10
immer noch Treibstöcke für Pferde gäbe, ob die Kühe noch kälben und
die Frauen auch gebären. Antwortet der Angesprochene bejahend auf seine
Fragen, dann erwidert er, es sei immer noch Zeit! Dann schließt er die
Augen und verschwindet. Und so wird es weitergehen, solange das Kloster
und der uralte Wald bestehen. Sollte es sie irgendwann nicht mehr geben,
dann geschieht etwas Ungewöhnliches, aber niemand wüßte, was. Der
Ewige kommt nicht mehr, doch sitze ich jede Nacht hier, in den Ruinen.
Suche überall, doch nirgends kann ich ihn finden. In der vergangenen
Nacht wieder. Es ist schon um Mitternacht. Der Himmel - stockfinster.
Der Mond lauert hinter den Wolken und irgendwo ist das Gelächter der
Eule zu hören. Totenschatten irren umher. Der Wind wirbelt sie aus und
dreht sie in Sträuchen und Felsen zusammen. Ich horche auf die Mönchslieder...
Auch auf die Gebetsgeflüster... Ersticktes Stöhnen. Niemand ist da.
Das alte Kloster ist tot. Nur der Ewige soll irgendwo dort, unten, in
den düsteren Labyrinthen der unterirdischen Schatzkammer sein. Ich sehe
ihn - kniend, auf dem steinernen Boden, inmitten zerstreuter
Kostbarkeiten - Bruchstücke der Zeit und der menschlichen Eitelkeit.
Das Haupt im Gebet zum weiten Firmament hinerhoben, weiß er: Gott
erwartet ihn mit all seiner Engelschar. Höre seine Worte aus den
Felsentiefen: Mein Lebensfaden sei eigens in meinen Händen, von mir hänge
es ab, wann ich das Knäuel zum Ende aufwickele. Schlaflose
Nächte, ich überlege. Ist es schon an der Zeit, daß der Ewige die
Tore zu den verborgenen Schätzen öffnet? Ich weiß es nicht... Mir
scheint, die Menschen sind immer noch taub und blind, und befolgen
falschen Propheten. Sehen mit Augen, statt mit dem Herzen. Nicht die Schönheit
sehen sie, vielmehr das einfache Metall, ihre Seelen verbrennen unter
dem schweren Glanz. Darum möge die dunkle Schlucht der Fallen noch
offen bleiben. Du, Schwarzhemdiger, die Stunde hat noch nicht
geschlagen! Die Menschen sollen allein jene Brücke über die Schluchten
bauen, die sie zu den Ewigen Quellen führt! Darin
getränkt, gereinigt und wiedergeboren, kann die menschliche Seele das göttliche
Licht erblicken, wie auch jene Musik hören, die aus dem Herzen der
Ewigkeit sprüht... Amen!
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